Studieren – keine aus schliessliche Lebensform mehr

Dass die Universität sich immer weiter diversifiziert und differenziert, wird diskutiert und als Aspekt ihrer aktuellen Krise betrachtet. Auch dass die Studierenden der Universität vielfältiger und heterogener werden, dass Vorstellungen von Normalstudierenden sich überholt haben, ist bekannt. Unklar ist hingegen: Ob sich deshalb alle Gemeinsamkeiten des Studierens auflösen, ob sich einige alte Gemeinsamkeiten nicht doch bewahren oder sich neue bilden.

VON URS KIENER

Die Studierenden sind ein besonderer Teil der Universität: quantitativ weitaus der grösste «Stand», in der Regel aber nur für einige Jahre geplante Mitglieder dieser Institution. Das Studium wird curricular durchlaufen. Somit wandelt sich die Zusammensetzung der Studierenden von Semester zu Semester, während sich die Universität nach ganz anderen, langsameren Rhythmen verändert. Die Universität verfügt offenbar über Mittel der Integration der Studierenden und solche der Selektion – der Abschreckung, des Ausschliessens. Gibt es also stabile Kulturen des Studierens an der Universität, welche die aufeinanderfolgenden Generationen der Neueintretenden erfolgreich im Sinn der Institution formen?

Von der Herkunfts- zur Berufskultur

Wer ­ wie es neuere Ansätze der Studierendenforschung1 tun ­ diese Frage nach der Integration so stellt, wird sich zunächst dafür interessieren, woher die Studierenden kommen und wohin sie zu gehen beabsichtigen. All das, was die Studierenden an Vorstellungen, Denkweisen, Orientierungen, Dispositionen usw. in die Universität einbringen, wird abgekürzt mit ihrer Herkunftskultur in Verbindung gebracht, mit dem Milieu oder den Milieus, in denen sie bislang gelebt haben. Und weil sich Orientierungen, Ziele, Lebensentwürfe – und das heisst auch: die Wahl eines Studienfaches – oft an Bildern über Berufe festmachen, gilt die Berufskultur als Kürzel für die angestrebte Zukunft.

Eine Vergangenheits- und eine Zukunftskultur der Studierenden treffen nun also in der Gegenwart auf die Kulturen der Universität. Dort wird einerseits eine studentische Kultur identifiziert, nämlich Bedeutungsmuster, die mit der spezifischen gesellschaftlichen und biographischen Situation von Studierenden zu tun haben. Gedacht ist hier an die Lebensform «studieren», die – oft idealisierend – immer wieder Bezug nimmt auf das Modell des jungen Erwachsenen, der freigestellt von ökonomischen und sozialen Verpflichtungen sich ganz und gar der (wissenschaftlichen) Bildung überlässt.

Schliesslich ist die Universität andererseits geprägt durch die Kulturen der Disziplinen der Wissenschaft bzw. der Fächer des universitären Lehrangebotes. Solche Fachkulturen gelten als zentrale Unterscheidungen in der Universität. Man kann sie als eigene Weltbilder auffassen, zu deren Entstehung wissenschaftsinterne wie auch -externe Faktoren eine Rolle spielen. Wie zahlreiche empirische Untersuchungen zeigen, unterscheiden sich Fachkulturen – neben epistemologischen Aspekten – nach Interaktionsstrukturen, Curricula, der Organisation des Lernens, der Orientierung im Raum, Publikationsstilen, Normen und Werten, Lebensstilen und anderem mehr.

Diese vier Kulturen also treffen aufeinander und müssen zur Passung gebracht werden, wenn es zu einigermassen stabilen Kulturen des Studierens kommen soll. Gesucht und gefunden werden Korrelationen, Korrespondenzen, Wahlverwandtschaften. Für Studierende, welche dem für eine Gruppe typischen Muster nicht entsprechen, wird angenommen, dass sie einen besonderen Integrationsaufwand für das Studium leisten müssen.

Studentische Fachkulturen

Das Modell bietet eine Erklärung dafür an, wie die Universität die ständige Neuzusammensetzung der Studierenden integriert und dabei ebenfalls verändert wird. Die «studentischen Fachkulturen», welche die vier genannten Kulturen vereinen, sind gleichsam Puffer, Übersetzungen, Kupplungen, die verschiedene Bewegungen aufeinander abstimmen. Demnach gibt es sie noch, gemeinsame studentische Lebensformen, zwar kaum mehr auf der Ebene der ganzen Universität, aber auf der Ebene von Fächern oder Gruppierungen innerhalb der Fächer.

Man kann sich freuen, dass neue Einheiten ­ relativ stabile Kulturen ­ gefunden sind, welche die permanenten Differenzierungen zueinander in bezug bringen, abbremsen, vielleicht gar aufhalten. Man kann gegenüber solchen neuen Einheiten aber auch Skepsis anbringen. Es ist zum Beispiel zweifelhaft, ob wirklich die Fächer (Germanistik, Biologie usw.) die zentrale Differenzierungsdimension in der Universität sind. Für diesen Zweifel können die mannigfachen Bewegungen in und zwischen den Disziplinen angeführt werden (ihre Aufspaltungen, neuen Zusammenfassungen, transdisziplinären Bewegungen) und ihre unterschiedlichen Vernetzungen mit der Umwelt der Hochschule. Oder auch die zunehmend feinere vertikale Gliederung der Studiengänge in Grund-, Haupt-, Graduierten-, Postdoc-Angebote mit je anderen Spezialisierungen und Entspezialisierungen. Ausserdem kann man zur Begründung der Skepsis auf einen irritierenden Mangel dieses Modells hinweisen: Die Studierenden sind ­ in der jeweiligen Gegenwart ­ nichts anderes als Studierende, sie sind reduziert auf die studentische Rolle. Das Studium gilt stillschweigend als alleiniges Zentrum der Studierenden, die Personen werden auf das Studium zentriert. Damit wird völlig abgedunkelt, dass ein wachsender Anteil der Studierenden neben dem Studium in anderen aktiven Rollen «tätig» ist. Zwar ist die Erwerbstätigkeit neben dem Studium die augenfälligste andere Tätigkeit (über 80 Prozent der Zürcher Studierenden, über 50 Prozent auch während des Semesters2).

Studieren ist manches gleichzeitig

Doch wichtiger noch als die messbare Verteilung des individuellen Zeitbudgets auf verschiedene Tätigkeiten ist das verbreitete, auf Erfahrung basierende Wissen, dass Studieren begrenzt und relativiert ist. Studieren ist manches gleichzeitig (Qualifizierung, Statuserwerb, persönliche Entwicklung usw.) ­ und für alle diese Elemente allein gibt es in der Gesellschaft jeweils anderere Angebote, funktionale Äquivalente. Studieren geschieht gleichzeitig nebst manch anderem (politischen/ kulturellen/sozialen Tätigkeiten, Stress-Kompensationen, Freundschaften und Beziehungen, Erwerbstätigkeit, Erproben beruflicher Schritte usw.) ­ und erhält seine individuelle Bedeutung nur in diesem Kontext. Vervielfachte Lebensstile und Lebenswelten müssen vom Individuum vereinbar gehalten, parallelisiert, abgegrenzt, ausgeschlossen werden. Sich einer Institution, einer Lebensform, einer Sinnwelt einfach zugehörig zu fühlen, ist kaum mehr möglich: Man muss sich entscheiden, führt sein Leben, konstruiert seinen Lebenslauf. Einige wenige «äusserliche» Beispiele zur Illustration: Ein Viertel der Zürcher Studierenden schloss vor Studienbeginn eine andere Ausbildung ab; ein Sechstel hat das Fachstudium mindestens einmal unterbrochen; 70 Prozent sind 25 und mehr Jahre alt.

Parallel- oder Synchronkulturen zum Studium

In dieser Perspektive ist das Studium nicht selbstverständlich das Zentrum der Studierenden und ist die Person nicht selbstverständlich auf die Rolle der Studierenden zentriert. Damit verringert sich der Bestand an Gemeinsamkeiten des Studierens. Das Modell der das Studium prägenden Kulturen wäre somit zu ergänzen durch Parallel- oder Synchron-Kulturen zum Studium, wodurch es sich erheblich kompliziert.

Dass hingegen die gängigen Indikatoren des Studienverlaufs (Studiendauer, Abbruchquote usw.) ziemlich wandlungsresistent sind, braucht durchaus nicht im Widerspruch zu den Differenzierungsprozessen zu stehen. Wenn die Lebensphase des Studiums strukturell komplexer wird, wenn das Studium an verschiedenen Massstäben gemessen, das persönliche Engagement sorgfältig verteilt werden muss – dann ist die distanzierte und kalkulierte Übernahme eines vorgegebenen Curriculums eine unter Umständen sehr rationale Studienstrategie. Manche Anzeichen deuten darauf hin, dass es eine sehr verbreitete Strategie ist.

Kehren wir zurück zur studentischen Kultur und damit zur Lebensform «studieren». Eine ausschliessliche Lebensform «studieren» kann es nicht mehr geben. So wie Wissenschaft (und Vernunft) in der Gesellschaft und in der Universität begrenzt und relativiert ist, so auch das Studium: Es wird in bezug gesetzt, gemessen und gewogen. Die Frage ist, welches Gewicht die Universität als Institution dabei einzubringen hat. Anknüpfend an die traditionellen Bedeutungen kann man dafür halten, dass studieren – in welcher Form auch immer – minimal mit Entwicklung der Person in Auseinandersetzung mit Wissenschaft zu tun haben soll. Das dürfte freilich heute eben nicht als ausschliessliche Lebensform, sondern müsste als gemeinsamer Aspekt innerhalb der tatsächlichen Vielfalt des Studierens verstanden werden.

Traditionelle Indifferenz aufgeben

Um das zu fördern, müsste die Universität unter anderem ihre traditionelle Indifferenz gegenüber den Lebenswelten und Lebensbereichen der Studierenden aufgeben. Hinter dieser Indifferenz nämlich wirken Mechanismen der Selektion von Studierenden – Unterstützung, Förderung, Verhinderung, Erschwerung –, die mit Bildung und Wissenschaft wenig zu tun haben. Es ist immer noch eine bestimmte Normal-Biographie, welche stillschweigend die grösste Unterstützung findet. Diese Indifferenz ist weder gegenüber der Vielfalt des Studierens neutral, noch fördert sie eine Vorstellung von «studieren», welche jenen gemeinsamen Aspekt miteinschliesst.


Literatur

1 B. Friebertshäuser, Übergangsphase Studiengeginn. Weinheim/München 1992; H. Apel, Bildungshandeln im soziokulturellen Kontext. Wiesbaden 1993.

2 Alle hier erwähnten Daten stammen aus einer Befragung, welche 1995 gemeinsam vom Projekt «Studienabbruch an den schweizerischen Hochschulen» im Rahmen des NFP 33 und vom Bundesamt für Statistik durchgeführt wurde.


Urs Kiener ist freiberuflicher Sozialwissenschafter mit Schwergewicht Hochschulforschung.


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Last update: 09.07.97