Das gezeichnete Ich

Nachdem Nietzsche den Tod Gottes diagnostiziert und – korrekt wie er nun einmal war – auch gleich den Totenschein ausgestellt hatte, entstand eine empfindliche Lücke, die das 20. Jahrhundert nie so recht hat schliessen können. Der radikale Konstruktivismus schlägt nun eine neue Besetzung der Vakanz vor, die endlich die alte Verheissung der Schlange erfüllen soll.

VON WOLFGANG MARX

 
Warum bin ich die, die ich bin, schreibe ich meine Gedanken und meine Erinnerungen mir zu? Die Kognitive Psychologie beschäftig sich mit dieser Frage – und immer wieder auch die bildende Kunst. Wie hier Salvador Dalí mit «Galatea der Sphären» (1952).

Dass es mit der Weltwahrnehmung ein problematisches Ding sein könnte, ist nicht erst von Kant bedacht worden, aber er nahm uns in dieser Sache ein für alle Mal die letzten noch verbliebenen Illusionen. Zum Trost glaubte man, sich doch wenigstens auf den sicheren Platz der Selbstwahrnehmung zurückziehen zu können, den Descartes uns zur Verankerung letzter Gewissheiten angewiesen hatte.

Spätestens mit Fichte jedoch beginnt eine radikale Veränderung des menschlichen Selbstverständnisses, die man als Entdeckung der Subjektivität bezeichnen könnte. Für ihn wird erstmals die Frage der Zuschreibung des Erlebens zu einem Ich zum Problem.

Leerstelle für Zuschreibungsprobleme

Diese Frage beschäftigt die Kognitive Psychologie noch heute; und die Ergebnisse dieser Bemühungen sind nicht dazu angetan, uns glücklich zu machen. Es gibt nämlich Gründe anzunehmen, dass die Selbstwahrnehmung keineswegs besser funktioniert als die Weltwahrnehmung und dass wir sowohl in bezug auf die Welt, als auch in bezug auf uns selbst in einer virtuellen Realität leben, die gewissermassen in usum delphini bearbeitet ist. Der Prinz ist in diesem Falle das erlebte Ich.

Es fängt damit an, dass dieses Ich, dem wir unsere Vorstellungen, Gedanken, Erinnerungen und Wünsche zuschreiben, keine letzte, unhinterfragbare Instanz ist, in der wir gewissermassen zur Welt kommen. Die Entwicklungspsychologie lehrt uns, dass ein figuratives Ich sich erst ab dem 18. Lebensmonat allmählich herauszubilden beginnt, und zwar als Produkt vorgängiger Prozesse, die ihrerseits nicht bewusstseinsfähig sind und daher als «subpersonal» bezeichnet werden.

Damit wird gewissermassen eine Leerstelle geschaffen, um Zuschreibungsprobleme zu lösen, ein Gedanke, der in ähnlicher Form auch schon bei Fichte auftaucht und der noch in Sartres Formulierung von der Existenz, die der Essenz vorangehe, durchklingt.

Beschränkte Selbstwahrnehmung

Wird ein Organismus von der Kandare gelassen, um aufgrund eigener Bedürfnisse und selbstgemachter Erfahrungen sein Verhalten auszurichten, dann entsteht für diesen die Notwendigkeit, nicht nur sein Wissen über die Aussenwelt intern zu repräsentieren, sondern auch sein Wissen über sich selbst, um dieses dann in den Entscheidungsprozess auch mit einbeziehen zu können.

Im Vergleich zum Weltwissen ist dieses Selbstwissen freilich begrenzt; denn die Evolution hat lange Zeit die Weltwahrnehmung favorisiert und entsprechend spezialisierte Organe hervorgebracht.

Wir haben nur spärliche und unvollkommene Einsicht in so gut wie alle relevanten kognitiven Prozesse. Wir wissen beispielsweise nicht, wie wir es eigentlich anstellen, in unserem riesigen internen Lexikon in Bruchteilen von Sekunden genau die Wörter zu finden, die wir gerade benötigen, um einen angefangenen Satz zu einem guten Ende zu bringen. Wir können Problemlöseprozesse nicht wirklich nachvollziehen. Ihre Ergebnisse kommen oft so unvermittelt und schon weitgehend als Fertigprodukte in unser Bewusstsein, dass der Gedanke an göttliche (oder dämonische) Eingebung gar nicht so unplausibel erscheint – vor allem in Gesellschaften, die entsprechende Attribuierungsangebote bereithalten.

Wenn aber der Mensch keinen vollständigen Zugriff auf seine internen Prozesse hat, dann spiegeln Selbsterlebensberichte unter Umständen eine ziemlich illusionäre Realität wieder.

Und, um der narzisstischen Kränkung noch die Krone aufzusetzen: das erlebte Ich ist nicht nur eine ziemlich unvollständige Beschreibung der tatsächlich ablaufenden Vorgänge, es ist auch eine gewissermassen ständig verspätete. Forschungsergebnisse, die mit Hilfe der Ableitung von Hirnströmen gewonnen worden sind, zeigen jedenfalls, dass dem subjektiven Erleben, zum Beispiel eines Willensaktes, zeitlich ein genau lokalisierbarer Hirnprozess vorausgeht, dass also nicht nur unsere Weltwahrnehmung, sondern auch unsere Selbstwahrnehmung den Ereignissen immer ein wenig hinterherhinkt.

Was wir in unserer permanenten Virtual Reality Show wahrnehmen, ist im Grunde immer schon Vergangenheit. Und doch ist das alles, was wir von uns selber und von der Welt wissen können, jedenfalls diesseits der Rekonstruktionsversuche von Physik, Psychoanalyse und Kognitiver Psychologie.

Um mit Gottfried Benn zu reden: «... es gibt nur zwei Dinge: Die Leere und das gezeichnete Ich». Wobei «gezeichnet» in dem ganz buchstäblichen Sinne zu verstehen wäre, in dem ein Künstler aus ein paar eigenwillig geformten und gefärbten Flecken auf Papier oder Leinwand eine ganze Welt erstehen lässt. Der Künstler ist in diesem Falle das Gehirn; und es ist eine wunderbare Welt.


unipressedienstunimagazin Nr. 3/97


unipressedienst – Pressestelle der Universität Zürich
Nicolas Jene (upd@zuv.unizh.ch)
Last update: 17.04.99