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Eine schwungvolle Bücherarena

Das Rechtswissenschaftliche Institut platzt aus den Nähten. Nun wird der Stararchitekt Santiago Calatrava die Räume des Gebäudes an der Rämistrasse 74 erweitern. Hauptattraktion des Projektes ist der Einbau einer sechsstöckigen Bibliothek in den schmucklosen Innenhof. Im März hat der Kantonsrat den Kredit für den rund fünfzig Millionen Franken teuren Umbau bewilligt, schon nächstes Jahr soll mit den Bauarbeiten begonnen werden.

Von Roderick Hönig

 

Der Blick in die Bibliothek zeigt sechs elegant geschwungene Lesebalkone (oben). Sie orientieren sich um das ovale Lichtauge der im Innenhof geplanten Bibliothek (unten).

 
 

Die 27 Lehrstühle des Rechtswissenschaftlichen Instituts (RWI) sind heute auf acht Liegenschaften in drei Stadtkreisen verteilt. Die Bibliothek, das wichtigste Arbeitsinstrument der RechtswissenschafterInnen, ist im Wesentlichen an der Freiestrasse untergebracht. Doch wegen der räumlichen Zersplitterung des Instituts müssen die einzelnen Lehrstühle zusätzliche Dozenten- und Handbibliotheken führen. So geht vor allem für AssistentInnen und DozentInnen auf dem Weg zwischen Lehrstuhl, Bibliothek und Verwaltung wertvolle Arbeitszeit verloren. Zudem hat der Literaturzuwachs von rund 180 Laufmetern Tablar pro Jahr die Raumreserven schon lange aufgebraucht. Was also tun?

Bereits vor zehn Jahren

hat die kantonale Baudirek- tion den in Zürich beheimateten spanisch-schweizerischen Architekten und Bauingenieur Santiago Calatrava beauftragt, einen Umbauvorschlag für das Gebäude aus der Jahrhundertwende an der Rämistrasse auszuarbeiten. Der renommierte Baumeister hat ein elegantes Projekt entworfen, das gleich mehrere Fliegen auf einen Schlag trifft: Sein Entwurf verbessert mit wenigen geschickten Eingriffen die Arbeitsverhältnisse für die Institutsangehörigen, vergrössert die Anzahl Arbeitsplätze, erweitert die Cafeteria und baut die Bibliothek der grössten schweizerischen Rechtsfakultät von 250 auf 500 Leseplätze aus. Längerfristig soll das ausgebaute und sanierte Institut die verstreuten rechtswissenschaftlichen Abteilungen wieder unter einem Dach zusammenfassen.

Weiterbauen am Bestand

Die Idee des virtuosen Baumeisters scheint so simpel und logisch, dass man kaum sieht, wieviel Denkarbeit darin steckt. Calatrava baut dort weiter, wo sein Vorgänger, der Kantonsbaumeister Hermann Fietz, 1909 aufgehört hat. Der Architekt beschränkt sich dabei auf nur zwei architektonische Eingriffe: Er stockt die beiden rückseitigen und bis anhin in der Höhe unvollendet gebliebenen Trakte des Altbaus um zwei Bürogeschosse auf. Der Architekt baut sozusagen das Haus fertig, zumindest volumetrisch.

Als zweite Massnahme setzt Calatrava – unsichtbar von aussen – in den bisher offenen Innenhof eine elegant geschwungene Balkonanlage aus Stahl. Eine gläserne Kuppel über dem Hof wird den ehemals kargen Aussenraum in einen lichtdurchfluteten Innenraum verwandeln.

Besonders zufrieden ist mit dem derzeitigen Projekt die kantonale Denkmalpflege, denn das äussere Erscheinungsbild des als Schutzobjekt von kommunaler Bedeutung rangierten Baus bleibt vor allem von der Strassenseite her weitgehend unverändert. Die filigrane Aufstockung in Stahl-Glas-Leichtbauweise setzt sich erst auf der Rückseite deutlich als moderne Konstruktion vom historischen Gebäude ab.

 
Plan Obergeschoss B6. Die ellipsenförmige Lesegalerie ist mit nur wenigen Berührungspunkten in den Hof hineingesetzt. Der neue L-förmige Dachaufbau (rot) schafft zusätzliche Büro- und Leseplätze.  

Das Lichtauge

Wie ist die neue Bücherarena aufgebaut? Die Bibliothek ist eine sechsstöckige, einseitig terrassierte Balkonanlage, die sich um ein ellipsenförmiges Lichtauge herum orientiert. Pro Stock sind 64 Arbeitsplätze, je 32 auf einer Seite des Ovals, aufgereiht. Geschickt versteckt Calatrava das weniger lichtbedürftige Bücherlager der einzelnen Etagen in die bereits bestehende rechteckige Aussparung zwischen den beiden Treppenhäusern auf der Seite der Rämistrasse.

Dort, wo die beiden gebogenen Galerien zusammentreffen, sitzen zwei Lifte, zusätzliche WC-Anlagen, Schächte sowie zwei neue Treppenhäuser. Der Einbau wird damit zum selbständigen «Haus im Haus», das heisst, die Bibliothek und das Institut werden unabhängig erschlossen und können autonom benutzt werden.

Die geschwungene Stahlkonstruktion wird praktisch ohne den Altbau zu berühren in den rechteckigen Hof gesetzt. Nur an sechs Punkten werden die Lasten direkt oder über die alte Hoffassade in den Boden geführt. Die Bibliothek ist vom Altbau rund einen halben Meter abgesetzt, sodass durch den Spalt Licht fällt und die Korridore um den Hof des Instituts weiterhin hell sind. In der vierten Etage ist der Zugang von der geschwungenen Lesegalerie zur Aufstockung möglich. Hier befinden sich in einem grossen Saal nochmal siebzig Leseplätze an der Aussenseite der Ostfassade sowie Büroräume der Bibliotheksverwaltung entlang der Nordfassade. Im Dachgeschoss des Aufbaus finden 24 AssistentIn-nen- und DoktorandInnenbüros Platz.

Fast ein Energiesparhaus

Calatrava zeigt mit seinem Entwurf nicht nur konzeptionelles und gestalterisches Können, sondern beweist, dass seine Hightech-Architektur auch ökologisch ist: Durch die Überdachung des Hofes wird die der Kälte und dem Wetter ausgesetzte Fassadenfläche des Hauses wesentlich verkleinert. Mit der Umwandlung des Aussenraumes in einen gedeckten und geheizten Innenraum kann rund die Hälfte des bisherigen Wärmeenergieverbrauchs eingespart werden. Denn ein Haus verliert gerade durch die Hülle den grössten Teil seiner Wärmeenergie.

 
Auf der Rückseite des Baus aus der Jahrhundertwende vervollständigt die filigrane zweistöckige Dachaufstockung in Stahl und Glas die bestehende Dachlandschaft. Sogar die Denkmalpflege ist zufrieden.  

Das umgebaute Rechtswissenschaftliche Institut soll eine neue Energiekennzahl von 231 MJm2/a haben. Die Energiekennzahl misst den durchschnittlichen Heizungs- und Warmwasserverbrauch pro Jahr und Quadratmeter. Damit wird das Projekt den vom Aktionsprogramm E2000 des Bundes festgesetzten Öko-Bau-Wert, von Umbauten um 169 MJm2/a unterschreiten und entspricht damit schon fast dem Wert, der bei Neubauten auf 220 MJm2/a angesetzt wird. Dank der hohen Tageslichtausnutzung wird weniger künstliches Licht benötigt, was sich wiederum positiv auf den Energiehaushalt auswirkt. Ein beweglicher und über einen Sensor geregelter Sonnenschutz in der Glaskuppel reduziert die Wärmestrahlung im Sommer auf ein Minimum und lässt im Winter möglichst viel Sonnenlicht in den Hof fallen. Zudem wird über ein Erdsondensystem Energie aus dem Erdreich gewonnen. Für die Spülung der WC-Anlagen soll Regenwasser verwendet werden.

Neuer Wohnraum im Uniquartier

Das Rechtswissenschaftliche Institut belegt gegenwärtig eine Fläche von rund 3600 Quadratmetern. Heute teilen sich rund 13 StudentInnen einen Leseplatz in der Bibliothek. Mit dem Umbau, der Aufstockung und dem Bibliothekseinbau wird die Hauptnutzfläche auf 7175 Quadratmeter fast verdoppelt. Die Bücherei im überdeckten Hof wird neu 500 anstatt 250 StudentInnen Leseplätze bieten. Es müssen sich also nur noch sechs bis sieben Studierende einen Arbeitsplatz teilen.

Mit dem Umbau kommt die Universität aber auch der Forderung nach baulicher Verdichtung innerhalb des Hochschulperimeters nach: Nach dem Umzug können Mietobjekte in den umliegenden Wohnquartieren mit einer gesamten Fläche von rund achthundert Quadratmetern zurückgegeben werden. Das Bauvorhaben wird den Zürchern also auch attraktiven Wohnraum zurückgeben. Das fast 50 Millionen Franken teure Projekt – rund 26 Millionen Franken für den Neubau und fast 24 Millionen Franken für den Umbau – ist eine Zusage zum schrittweisen Rückzug der Universität aus den umliegenden Wohnquartieren. Es ist aber in erster Linie ein architektonisch wie auch energetisch ausgeklügeltes Bauvorhaben, das die Chance auf den Zürcher Milleniumbau knapp verpassen wird.


Roderick Hönig ist Architekt ETH und Journalist in Winterthur.


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unipressedienst – Pressestelle der Universität Zürich
Nicolas Jene (upd@zuv.unizh.ch)
Last update: 15.07.99