unimagazin Nr. 2/99

Vorzüge gegenständlicher Modelle

Von Simon Maurer

Yves Netzhammer (1970 geboren, lebt in Zürich) entwirft am Computer Bilder und Bildsequenzen, die unsere Lebenswelt modellhaft reflektieren. Retroviren stellen ihn vor eine besondere Herausforderung: Bilder zu suchen für ein Phänomen, das sich nicht – oder kaum – abbilden lässt. Wissenschaftliche Darstellungen bedienen sich hier ihrerseits einer modellhaften Sprache. Warum gibt man Viren als farbige Kügelchen wieder? Weil es sich um die einfachste Abstraktion ihrer Gestalt handelt.

Netzhammer begegnet diesem kaum darstellbaren Phänomen auf überraschende, ja verblüffende Weise: «Ich denke mit Gegenständlichem über Abstraktes nach. Dadurch können Situationen entstehen, die auch auf Gemeinsamkeiten zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit hinweisen.» Nicht farbige Kügelchen und auch kein wucherndes Gewebe werden zu seinem Formenvokabular. Er spricht mit Ballonen und Kerzen, Guillotinen und Apfelfallen, mit Pfeilen und Zielscheiben über Viren und Retroviren. Er baut kleine, modellhafte «Maschinchen», um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Netzhammers «Maschinchen» sind in diesem Heft, dem Printmediums entsprechend, statisch abgebildet; sie implizieren aber genau definierte Bewegungsabläufe, die von den BetrachterInnen in der Vorstellung eigenständig vollzogen werden. Die Betrachtenden animieren die Bilder – und werden von ihnen animiert.

Häufig arbeitet Netzhammer tatsächlich mit «laufenden» Bildern: mit kurzen, am Computer generierten Filmsequenzen, die von Videoprojektoren stark vergrössert an die Wand geworfen werden. Im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen zeigte er kürzlich in einem verdunkelten Saal eine Installation mit vier Grossprojektionen. Eine ähnliche Projektionsarbeit war Anfang Jahr im Zürcher Helmhaus ausgestellt.

Pfeil und Antipfeil

Netzhammers Arbeitsweise steht in einer verwandtschaftlichen Beziehung zu viralen Mechaniken, weil sie sich – abstrakt formuliert – zeichentheoretischer Figuren bedient, die auch der Mechanik der Viren nahestehen: den Figuren der Ähnlichkeit, des Doppelgängerprinzips, der Verwandlung, Imitation und Tarnung, der vermittelten und unvermittelten Reaktion, der Reibung und Koppelung, Verschmelzung und Abspaltung.

Er arbeitet mit einem reduzierten Set von gegenständlichen Insignien, die er untereinander interagieren lässt. Auffallend ist die Relativität ihrer Verhältnisse. Hierarchien werden häufig umgedreht, eingeebnet oder ins Absurde überhöht. Klare Beziehungen paradox verknotet, um sich in neuerlich veränderter Verfassung in einer dritten Gestalt wiederzufinden.

Die Handlungsabläufe der netzhammerschen Modelle wickeln sich nach dem – viralen – Prinzip von Kettenreaktionen ab. Es gibt aktivere und passivere Rollen, die den Gegenständen (die manchmal fast etwas «Heldisches» annehmen können) zugewiesen werden: Rollen des Auslösens, der Übermittlung und des Empfangens. Da trifft ein roter Pfeil ins Gelbe einer Zielscheibe. Im Moment des Aufpralls lösen sich an der Spitze des Pfeiles montierte Distanzhalter, die einen blauen, kleineren Pfeil in die Gegenrichtung wegschnellen lassen. Der rote Pfeil löst also postwendend einen blauen «Antipfeil» aus, der auf den Ort des Abschusses zufliegt. Die zielgerichtete Handlung des Pfeilwurfs wird gleichsam gespiegelt: Der Treffer auf der «Pfeilscheibe» (ein sprechender Versprecher, der Netzhammer im Gespräch gleich mehrmals entfährt) schlägt auf den Verursacher zurück. Dieses «Gleichgewicht der Kräfte» – auch wenn da massive Kräfte im Einsatz sind – ist ein Phänomen, das in Netzhammers Arbeit häufig anzutreffen ist. So kann «das Kranke» vom «Gesunden» genauso angesteckt werden, wie umgekehrt.

Künstliche Weltfenster

Yves Netzhammers kleine «Erfahrungsprogramme» spielen sich, geräuschlos und ohne überflüssige Reibungsverluste, mit einer verblüffenden Leichtigkeit vor uns ab, mit einer schwerelosen Zielsicherheit trotz offenem Ausgang – und gleichwohl in völliger Anonymität, was die Autorschaft anbelangt. Die Handlungsprozesse sind in dermassen künstlichen Gefilden angesiedelt, dass man meint, die «Figuren» hätten sich selber erschaffen. Gleichwohl wird man berührt von Referenzen aus diesen künstlichen Weltfenstern: Sie sprechen unsere empfindsamsten Reflektoren an. Weil die «Helden» dieser Modelle die grotesksten Erfahrungen scheinbar reglos über sich ergehen lassen, überträgt sich das Emotionspotential, das in diesen Erfahrungen steckt, umso mehr auf die Betrachtenden: Hier regen sich Mitleid, Irritation und Lust.

Das an die Kinderwelt gemahnende Insignien-Inventar dieses Künstlers, und was er damit anstellt, trifft unseren Humor, weil es die Welt – und auch eine Welt der Viren – in eine zeichenhafte Kunstsprache übersetzt, deren Differenz zur «wirklichen Welt» uns so augenscheinlich entgegentritt, dass uns, was das Wesen der «wirklichen Welt» anbelangt, ein Licht aufgeht. Erst in der vereinfachten Reduktion dieser verdinglichten Versuchsanordnungen, die überdies eine verblüffende und demzufolge erheiternde Sinnlichkeit generiert, erhellt sich die wahre Komplexität der Dinge. Das Erkennen des Unterschieds zwischen der Vereinfachung und der Komplexität, zwischen der Künstlichkeit und der Natur – diese Hirn- und Augenakrobatik vergnügt uns. Auch wenn das Erkennen dieser Unterschiede nicht immer nur vergnüglich ist.


unipressedienstunimagazin Nr. 2/99


unipressedienst – Pressestelle der Universität Zürich
Nicolas Jene (upd@zuv.unizh.ch)
Last update: 28.06.99