unimagazin Nr. 2/99

Entwicklung aus sich selbst heraus

Sein Nachschlagewerk «Babyjahre» ist ein Longseller. Jetzt wartet der Zürcher Kinderarzt Remo Largo mit einer Art Fortsetzung auf, dem Buch «Kinderjahre. Nicht minder engagiert und von einem grossem Erfahrungswissen zehrend, plädiert der Autor für eine Erziehung, die sich am Kind orientiert und nicht irgendwelchen Normen nachhängt.

Von Andrea Fischer

 
Remo Largo: Kinderjahre. Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung. Piper Verlag, München, Zürich, 1999. 368 Seiten, 37 Franken.  

Wer Kinder hat, vergleicht, will wissen, ob das eigene Kind die selben Fähigkeiten hat, wie dasjenige der Freundin, der Nachbarin oder des Bruders. Ob es vielleicht schon weiter entwickelt ist oder ihm doch die anderen Kinder in manchem voraus sind. Viele Eltern wehren sich zwar lauthals gegen dieses Vergleichen und gleichzeitig wollen sie sich doch über den Stand der Kindesentwicklung orientieren. Allzu oft werden dann weiter entwickelte Kinder zur Norm, an welcher man eigene misst.

Wer Remo Largos Buch «Babyjahre» kennt, weiss, welche Entlastung dieses Nachschlagewerk in den ersten schwierigen Monaten des Elterndaseins bietet. Liefert es gerade jene Orientierungshilfe, nach der Eltern von Kleinkindern so dringend suchen.

«Kinderjahre», das neue Buch des Kinderarztes und Leiters der Abteilung Wachstum und Entwicklung am Kinderspital Zürich setzt dort an, wo «Babyjahre» aufhört: in der Betonung der Unterschiede zwischen (gleichaltrigen) Kindern.

Die Vielfalt der Kinder sei in jeder Hinsicht so gross, «dass Normvorstellungen in der Erziehung irreführend sind». Eltern und Erziehungsberechtigte müssten ihre Normvorstellungen über Bord werfen, fordert Largo. Erziehung könne nur erfolgreich sein, wenn sie sich am Kind orientiert.

Das Kind ist aktiv

Wenn jedes Kind einzigartig ist, dann braucht es auch eine individuelle Erziehung. Allein schon diese Vorstellung mag viele Erziehungsberechtigte vor den Kopf stossen. Aber sie sind bei ihrer Arbeit keineswegs auf sich alleine gestellt, die Entlastung kommt vom Kind selbst. Jedes Kind ist aktiv, sagt Largo: «Es entwickelt sich aus sich selbst heraus.»

Mit vielen Alltagserfahrungen illustriert er die These der Eigenaktivität. Zum Beispiel, wenn es um den Spracherwerb geht: Das Kind erlerne Sprache nicht durch auswendig lernen, sondern durch eigene Regelbildung. Es bilde Schritt für Schritt eigene, nie zuvor gehörte Sätze. Und auch die Anwendung der Ichform könne man dem Kind nicht beibringen.

Sauberkeitserziehung

Dieser Drang, sich selbst Fähigkeiten anzueignen, begleitet das Kind während seiner ganzen Entwicklung, dabei bestimmt es nicht nur selbst, wie es lernt, sondern auch wann. Remo Largo folgert daraus: «Eltern können ihrem Kind – weder mit Antrainieren noch mit Lob und Strafe – eine Fähigkeit beibringen, wenn es dazu nicht bereit ist.»

Largo stellt sich gegen die vielerorts grassierende Förderwut, welche Kinder zu Fähigkeiten antreiben will, die vielleicht ihrem Alter, aber nicht ihrem Entwicklungsstand entsprechen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, sagt Largo, als diesen zu akzeptieren, denn «das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.»

Das eigentliche Juwel unter den Beweisen für seine Thesen steht am Schluss des Buches und lohnt allein die Lektüre. Es handelt sich um eine Untersuchung zur Sauberkeitserziehung am Zürcher Kinderspital.

Die dort erhobenen Daten zeigen, dass man in den Fünfzigerjahren die Kinder schon sehr früh und häufig auf den Topf trainierte. In den Siebziger- und Achtzigerjahren setzte dieses Training viel später ein oder fiel ganz weg. Das Ergebnis überrascht selbst Anhängerinnen liberalster Erziehungstheorien: an mehreren hundert Kindern konnte nachgewiesen werden, dass das Topftraining nichts bringt. Kinder werden dann trocken, wenn sie dafür physisch reif seien – die einen früher, die anderen später.

Die Studie erbringt nicht nur einen anschaulichen Nachweis für Remo Largos Thesen, sondern hilft auch mit, einen seit Jahren währenden Konflikt zwischen Müttern und Töchter beizulegen. Bis heute konnten die Anhängerinnen des Topftrainings unwidersprochen behaupten, dass ihre Methode die erfolgreichere sei. Largos Studie hat diese Ansicht aufs deutlichste widerlegt.

Wider den Trend

Remo Largos Modell einer Erziehung, die sich jederzeit am Kind orientiert, ist weit anspruchsvoller als der von ihm in Frage gestellte autoritäre Erziehungsstil. Der Autor bietet keine starren Verhaltensrezepte sondern appelliert unterschwellig an das – äusserst zeitintensive – Einfühlungsvermögen von Erziehungsbeteiligten. Seine Anregungen lassen immer einen gewissen Spielraum, nie sind sie belehrend.

Man kann Largos Thesen ablehnen, nicht jedoch die Nachweise, die er erbringt. Er greift nicht auf extreme Beispiele aus dem Forschungsalltag zurück, sondern stützt sich auf Erfahrungen, die von universaler Bedeutung in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sind. Die andere Qualtität der «Kinderjahre» liegt darin, dass das Buch quer zum Trend liegt, der uns immer wieder weismachen will, dass nur diejenigen sich im späteren Leben durchsetzen, die möglichst viele Fähigkeiten und möglichst viel Wissen mitbringen. Remo Largos Plädoyer für die Selbstbestimmung und Eigenaktivität von Kindern und Jugendlichen setzt da einen überzeugenden Kontrapunkt.


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unipressedienst – Pressestelle der Universität Zürich
Nicolas Jene (upd@zuv.unizh.ch)
Last update: 15.07.99