unimagazin Nr. 2/99

Von trickreichen Viren

Von Heini Ringger

Copyright Yves Netzhammer  

Reisen ist ansteckend. Wer vom Reisefieber in ferne Länder gepackt wird, kann etwas erzählen – Überraschungen miteingeschlossen. Eine Unachtsamkeit im Verhalten, Leichtsinn beim Geniessen genügen und die äussere Reise schlägt um in eine innere Reise. Oft brauchts wenig. Zum Beispiel ein zufälliges sexuelles Abenteuer. Die Folgen können dramatisch sein und in kaum zu überbietenden Turbulenzen enden. So kehren jedes Jahr schätzungsweise sechzig Reisende mit einer HIV-Infektion in die Schweiz zurück.

Möglich machen es die modernen Lebensgewohnheiten. Fernreisen bringen uns überall hin. In Windeseile verbreiten sich per Flugzeug Erreger schwerer Krankheiten um die ganze Welt. Influenza und Aids sind jüngste Beispiele dafür. Häufig beginnt die Verbreitung in Entwicklungsländern und setzt sich in den Industrieländern fort. Doch auch die Industriegesellschaft bereitet einen guten Nährboden. Unser dichtgedrängtes Zusammenleben in den Grossagglomerationen erhöht die Kontaktmöglichkeiten und begünstigt die Ausbreitung von Infektionen. Selbst die Krankheitserreger halten mit diesem raschen Wandel mit. Ständig entstehen neue, bisher unbekannte Formen der Influenza und der erworbenen Immunschwäche Aids.

Infektion ist sozusagen zu einer Metapher für die ständige Bedrohung des Lebens geworden. Schon früh ist diese Bedrohung als von aussen kommend erkannt worden. Wo alte und neue Welten sich begegneten, trafen sich auch die Krankheitserreger dieser Welten. Nach Kolumbus Rückkehr verbreitete sich die Syphilis über ganz Europa. In umgekehrter Richtung reisten Pocken, Masern, Grippe und Mumps – mit verheerenden Folgen. Zuvor schon hatte Europa das grosse Sterben erlebt. Pest und Seuchen dezimierten Landstriche bis zur Hälfte, einzelne Städte starben ganz aus.

Bedrohungsszenarien dieser Art sind uns auch heute bekannt. Wenn auch konkret nicht mehr in dieser Radikalität. Film und Fernsehen inszenieren Schreckenskämpfe zwischen Mensch und Mikroben (mit hohen Besucher- und Einschaltquoten), Zeitungen und Zeitschriften berichten laufend von Siegen und Verlusten sowie von neuen Erkenntnissen und Durchbrüchen an der Forschungs- und Therapiefront. «Wer gewinnt? Mensch oder Mikrobe», fragte jüngst ein renommiertes Wissenschaftsmagazin. Mehr bad als good News liefern die Tagesmedien. «In der Republik Kongo hat der Marburg–Virus zugeschlagen, eine mysteriöse Seuche unter Minenarbeitern forderte 50 Tote». Eine weltweite Impfkampagne hat schon vor zwanzig Jahren die Pocken völlig ausgerottet. Sollen jetzt die letzten in den Labors aufbewahrten Bestände von Pockenviren vernichtet werden? Nein titelte eine Tageszeitung: «Die USA und Russland lehnen Vernichtung vorläufig ab». Oder: «Später Beginn der Aids-Prävention im Königreich Swasiland. Ein Drittel der Bevölkerung ist HIV-positiv». Alles Schlagzeilen der letzten Tage.

Wissenschaftlich bedeutet Infektion zunächst einen pathogenetischen Mechanismus. Ein Virus dringt in den menschlichen Organismus ein, vermehrt sich dort und erzeugt direkt durch eigene Stoffwechselprodukte oder indirekt durch Abwehrreaktionen der Wirtszelle Phänomene, die verschiedene Krankheitsbilder generieren.

Ständig herausgefordert ist dabei das Immunsystem. Auf die meisten Herausforderungen vermag es sich gezielt einzustellen. Jede Komponente des Immunsystems ist auf Eindringlinge spezialisiert. Immunzellen wie die Lymphozyten erkennen eindringende Viren. Besonders raffiniert sind die Retroviren. Zum Beispiel das Aids-Virus. Zu seiner eigenen Vermehrung bedient es sich ausgerechnet dieser Lymphozyten und schwächt dabei das Immunsystem, deshalb auch der Name Humanes Immundefizienz-Virus, HIV. Dabei geht die körpereigene Immunabwehr allmählich zugrunde. Ausser Aids können die trickreichen Retroviren auch Krebs erzeugen. Bis heute sind ungefähr hundert Krebsgene aus Retroviren bekannt.

Gerade auf diesen Gebieten wird Retrovirologie-Forschung an der Universität Zürich besonders intensiv betrieben. Auf der einen Seite steht die Grundlagenforschung, auf der anderen Diagnostik und Therapie. Um die Zusammenarbeit zu verbessern und die Forschung noch effizienter zu gestalten, haben sich zahlreiche Forschergruppen der Universität und der Universitätsspitäler zur «Retrovirusgruppe Zürich» zusammengeschlossen.

Über eine Auswahl vielversprechender Projekte, teils schon erfolgreich eingeführter Methoden und Verfahren berichtet das vorliegende Magazin. Am Nationalen Zentrum für Retroviren ist ein neues hocheffizientes Verfahren für das Screening von Blutkonserven und, weltweit einzigartig, zudem ein System zum Nachweis und zur Identifikation unbekannter Retroviren entwickelt worden. Vorteilhaft wirkt sich auch die Nähe von Forschung und Klinik aus. So können die neuesten Erkenntnisse rasch an den Patienten, Erwachsenen wie Kindern, angewendet werden. Zum Wohle der Patienten.

Leben ist lebensgefährlich. Unzählige Viren begleiten uns auf dieser Gratwanderung. Mit achtsamem Verhalten, mit erfolgreichen Therapien und das Quäntchen Glück vorausgesetzt, kann das Leben lebenswert bleiben. Heini Ringger


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unipressedienst – Pressestelle der Universität Zürich
Nicolas Jene (upd@zuv.unizh.ch)
Last update: 28.06.99