unimagazin Nr. 2/99

Infektiös

Von Lukas Hartmann

Vierzehn Monate Schreibtischfron hatte Rolf Klingler hinter sich, ein Leben mit Büchern, Zetteln, Disketten, die er dauernd verlegte und wiederfand. Er fühlte sich aufgesogen von der wuchernden Sekundärliteratur; manchmal hatte er den Eindruck, er verschwinde selber im Anmerkungsapparat, werde zur Fussnote in der eigenen Dissertation. Renate, die sich dauernd über seine Geis-tesabwesenheit beklagte, hatte recht: Es war genug. Er konnte den grossen Balzac nicht mehr ausstehen; schon nur der Anblick des vierschrötigen Schädels, des gesträubten Schnurrbarts auf zeitgenössischen Porträts reizte ihn zum Erbrechen. «Aspekte der narrativen Drastik bei Balzac» – wie war er bloss auf dieses hirnverbrannte Thema gekommen? Und ausgerechnet jetzt, wo nur noch das resümierende Schlusskapitel fehlte, zerbröselten ihm die Gedanken wie trockener Zwieback. Kein vernünftiger Satz mehr fiel ihm ein.

«Du blockierst dich selber», hatte Renate zu ihm gesagt. «Mach doch mal was ganz anderes. Vergiss deinen Balzac und lass uns für ein paar Wochen verreisen.»


Er brauchte gar nicht zu fragen wohin. Seit langem gab es für Renate nur ein Reiseziel: Indien. Ihre beste Freundin war schon in Indien gewesen und hatte den Tadsch Mahal bei Sonnenaufgang gesehen; ihr Chef hatte halb Rajasthan auf Kamelen durchquert. Renate war fasziniert von Indien und wollte unbedingt mitreden können. Aber Rolf hatte erhebliche Einwände gegen eine Indienreise. Er fand es unökologisch, so weit zu fliegen, und er fand es anmassend, als Europäer in die hinduistische Kultur hineinzutrampeln, ganz abgesehen von den Ansteckungsgefahren, die überall lauerten. Er sah zwar ein, dass ihm jetzt, wo der Sommer nahte, eine Abwechslung gut tun würde. Doch er schlug vor, nach Schottland oder an die Nordsee zu fahren; das sei für ihn weit genug von Balzac entfernt, und dort, sagte er, könne man unbesorgt Leitungswasser trinken.

«Ach wo», erwiderte Renate, «nable dich doch endlich einmal von Europa ab. Du hast bloss Angst vor dem Unbekannten.»


Ihr psychotherapeutisch angehauchtes Vokabular brachte ihn manchmal zur Weiss-glut. Aber meist beherrschte er sich und blieb auf der Ebene der rationalen Argumente, was wiederum Renate zu hitzigen Anschuldigungen anstachelte. So konnten sie abendelang ihre Rollen – er der coole Debattierer, sie die Aufbrausende – bis zur Erschöpfung durchspielen. Sein Widerstand gegen Renates Indienprojekt wurde allerdings von Tag zu Tag schwächer; eigentlich kam’s ihm nur noch darauf an, vor seinen Papieren und Disketten zu flüchten. Aber allein wollte er nicht weg; die Vorstellung, als Single durch die Realität zu irren, war beinahe so schlimm wie die Aussicht, weitere Wochen mit Balzac eingesperrt zu bleiben. So sagte er eines Abends zu Renate, die eben ein paar Räucherstäbchen angezündet hatte: «In Ordnung, ich komme mit. Du hast gewonnen.»

«Ich hab’s gewusst», antwortete sie in verhaltenem Triumph. «Du wirst es bestimmt nicht bereuen.»


Es gab viel zu tun. In der Hauptsache hatte sich Renate durchgesetzt; nun nahm Rolf für sich in Anspruch, das Organisatorische zu erledigen. Er beschaffte das Visum für beide, er plante die genaue Reiseroute, er bestellte die Flugtickets, und zwar bei Swissair; Air India war ihm zu unsicher. Am meisten beunruhigte ihn die medizinische Vorsorge. Unter mehreren Adressen wählte er einen Tropenarzt aus, der über einen doppelten Doktortitel – als Dr. med. und Dr. phil. – verfügte. Der Mann, so dachte Rolf, verdiente sein Vertrauen; man durfte davon ausgehen, dass er auch für einen Balzac-Spezialisten ein gewisses Verständnis aufbringen würde. Er war auf einen drahtigen, sportlichen Typ gefasst; der Arzt jedoch, der Rolf und Renate ins Sprechzimmer bat, war bleich und dicklich; er hatte fettiges Haar und sprach sehr leise, beinahe flüsternd. Er missfiel Rolf vom ersten Augenblick an.

«Also nach Indien», sagte der Arzt stirnrunzelnd. «Dann auf jeden Fall Tetanus, Diphtherie, Cholera und Typhus. Natürlich Hepatitis A und Poliomyelitis, wenn Sie’s nicht kürzlich erneuert haben. Dazu empfehle ich Tollwut und Zeckenenzephalitis. Rollen Sie bitte die Ärmel zurück.» Er stand auf und machte sich an einem Glasschrank zu schaffen.

Rolf war bleich geworden. «Handelt es sich denn nicht hauptsächlich um Schluckimpfungen?», fragte er beklommen. «Tetanus und Diphtherie geht in den Muskel», sagte der Arzt. «Hepatitis A unter die Haut. Das andere ist oral. Keine Angst, das werden wir gleich haben.»

Renate gab, als sie geimpft wurde, keinen Laut von sich; doch Rolf zuckte beim ersten Stich in den Oberarm zusammen, er stöhnte auf, seine Unterlippe begann zu zittern. Von da an hielt Renate seine Hand, und die weiteren Schmerzen, die ihm zugefügt wurden, ertrug Rolf ohne äussere Regung.

Der Arzt gab ihnen für den Notfall ein starkes Antibiotikum mit, eine Salbe gegen Pilzbefall, etwas gegen Durchfall und gegen allergische Reaktionen; er empfahl zudem dringend die wöchentliche Malaria-Prophylaxe mit Tabletten. Beim Abschied sagte er kühl, er wolle bar bezahlt werden, da ja die Krankenkasse diese Kosten nicht übernehme. So legten Rolf und Renate der Praxishilfe dreihundertzwanzig Franken hin. Rolf sah darin eine Art Lösegeld, mit dem er sich von sämtlichen Seuchen und Krankheitssymptomen loskaufte, und plötzlich schien ihm, er hätte dafür gerne auch das Doppelte oder Dreifache bezahlt.


Bombay war so, wie’s Rolf erwartet hatte: lärmig, schmutzig, chaotisch. Das Hotel an der Juhu Beach, in dem sie die ersten drei Nächte verbrachten, entsprach indessen europäischem Standard; es war sauber, und alles funktionierte einwandfrei. Das Leitungswasser hatte einen deutlichen Chlorgeruch, aber das war Rolf egal. Er trank ohnehin nur Mineralwasser, und zwar aus Flaschen mit intaktem Verschluss; er wusch sich sogar, zu Renates Belus-tigung, von Kopf bis Fuss mit Mineralwasser. Gerade in der Umstellungszeit, dozierte er, dürfe man keine Risiken eingehen. Was das Essen betraf, so vermied Rolf alles Rohe und Ungeschälte; er begnügte sich mit durchgekochter Mulligatawny-Suppe und ein paar kleinen rötlichen Bananen, die er erst schälte, nachdem er seine Finger an einem Tempo-Taschentuch abgewischt hatte. Renate jedoch warf schon am zweiten Abend alle ihre Vorsätze über den Haufen und ass Reissalat mit kaltem Pouletfleisch; dazu trank sie Wasser aus der Karaffe. Hinterher hatte sie einen leichten Durchfall, und Rolf wunderte sich darüber, dass die Übelkeit so rasch vorüberging.


Sie flogen südwärts, nach Trivandrum. Kerala war heiss und feucht; das Essen wurde schärfer. Sie besichtigten ein paar Tempel und ein Tierschutzgebiet mit wild lebenden Elefanten; sie liessen sich in Motor-Rikschas durch die Städte fahren, schliefen unter Moskitonetzen. Tempel betrat Rolf nie barfuss, immer nur in den Socken, und die wusch er abends gründlich aus. Aber sonst wurde er ein bisschen lockerer. Zwischendurch überkam ihn sogar so etwas wie Abenteuerlust. Er gewöhnte sich an die Umgangsformen, feilschte erbittert um Preise, nahm einen herrischen Ton an, wenn er etwas von Hotelbediensteten wollte. Den einen Bettlern gab er ein paar Rupien, die andern scheuchte er weg; es kam darauf an, wie ehrlich sie ihm schienen. Was jedoch Hygiene und Ernährung betraf, blieb er konsequent bei seinen Vorsichtsmassnahmen.

«Konsequent nennst du das?», fragte Renate. «Du bist einfach ein Hypochonder.»

«Was meckerst du denn?», fragte er zurück. «Mir geht’s ja bestens.»

Renate konnte froh sein, dass er das Ekzem an ihrem Nacken frühzeitig bemerkt hatte; jetzt war es, dank der kortisonhaltigen Salbe in der Reiseapotheke, schon wieder verschwunden. Er selber schaute sich morgens und abends im Spiegel forschend an. Verfärbte sich etwa die Haut? Sah er irgendwo Stiche? Rötungen? Schwellungen? Er verdrehte den Hals, um auch entlegenere Regionen ins Blickfeld zu bekommen. Ja, er war gesund. Kein Fieber, kein Kopfweh. Es staunte darüber, was eine gute Prophylaxe zu leisten imstande war. An den dicklichen Tropenarzt erinnerte er sich mit grosser Dankbarkeit. Dass auch Renate seit ihrer Magenverstimmung von Symptomen verschont geblieben war, hielt er für Zufall oder für eine Folge ihrer robusten Konstitution.


Bevor sie nach Madras weiterflogen, erholten sie sich ein paar Tage in Goa. Sie lagen am Sandstrand im Palmenschatten und lasen englische Krimis, die sie bei einem Strassenhändler gekauft hatten. Rolf wagte sich in die mannshohen, gischtenden Wellen hinein und schrie vor Freude wie ein Kind. Aber am siebzehnten Tag ihrer Reise fühlte er sich gegen Abend irgendwie ausgehöhlt und erschöpft; er hatte keine Lust, dem gloriosen Sonnenuntergang beizuwohnen, und legte sich im Hotelzimmer aufs Bett. Eine Zeitlang liess er sich von Renate einreden, es sei bloss eine vorübergehende Schwäche. Insgeheim wusste er’s besser. Als dann der ganze Unterleib schlagartig in konvulsivischen Aufruhr geriet, war er doch nicht darauf gefasst. Er rannte, die letzten Kräfte aufbietend, ins Bad, erbrach sich über dem Klo, fand kaum Zeit, sich darauf zu setzen, da’s auch unten in wässriger Wucht herausschoss. Er zerrann, er zerfloss. «Woher nur?», murmelte er verzweifelt. «Was habe ich falsch gemacht?»

«Jetzt hat’s dich eben auch erwischt», sagte Renate in provozierender Gelassenheit. Sie wischte ihm den Mund ab, legte ein feuchtes Frotteetuch auf seine Stirn.
«Es ist Typhus», flüsterte Rolf. «Ich bin sicher. Hol den Arzt.»

«Es ist nur ein banaler Magen-Darm-Infekt», entgegnete Renate. «Du musst vor allem genügend trinken. Am besten leicht gesalzenen Tee.» Aber in ihrem Blick flackerte Besorgnis, er sah es genau. Er schluckte vier Tabletten Imodium; er hätte auch zehn oder zwanzig geschluckt, wenn Renate ihm die Packung nicht weggenommen hätte. Als er sich zum vierten Mal erbrach und nur noch Gallenflüssigkeit in die Kloschüssel spuckte, war Renate endlich bereit, den Hotelarzt zu benachrichtigen. Dieser, ein junger Tamile, traf schon nach einer halben Stunde ein und bestätigte nach einer oberflächlichen Untersuchung Renates intuitive Diagnose. In zwei Tagen, sagte er lächelnd, werde alles vorbei sein.


Rolf glaubte ihm nicht; der blutjunge Arzt war bestimmt zu wenig ausgebildet für komplizierte Fälle. Die halbe Nacht wachte Renate an Rolfs Seite. Er fieberte. Das Reisethermometer zeigte 38 Grad; aber es war bestimmt falsch geeicht: Rolf steckte den Finger in seine Achselhöhle und fühlte, dass es mindestens 39 Grad, wenn nicht 40 Grad sein mussten. Figuren aus Balzacs Romanen wimmelten kreuz und quer durch seinen Kopf. Ein paar dicke Pfaffen schlugen ihre Zähne in Hühnerkeulen. Oder waren es Mädchenschenkel? Sie warfen plötzlich mit Papier um sich, in dem Rolf zu versinken drohte. Er flehte seinen Doktorvater auf den Knien darum an, ihm vorzulesen, was auf den leeren Seiten stand. Der Doktorvater war aber der Tropenarzt, er hatte einen Schnurrbart wie Balzac, und er schwenkte eine riesige Spritze, vor der Rolf schreiend zu flüchten versuchte.

Renate drückte ihn sanft aufs Kissen zurück. «Es ist schon fast Morgen», sagte sie, «du hast geschlafen und plötzlich wie wild um dich geschlagen.»
Kein Wunder, dachte er stumpf. Niemand erkennt, in was für einer auswegslosen Lage ich bin. Ihm fiel auf, dass er erstaunlich klar und folgerichtig zu denken vermochte. Das ist, dachte er, die Klarheit vor der grossen Krise.

Doch die Krise blieb aus; Rolfs Zustand stabilisierte sich. Noch zwei Tage und Nächte blieb er liegen, ass beinahe nichts ausser hin und wieder einem Toast. Er liess es zu, dass Renate an den Strand ging. Wenn er allein war, suchte er nach Gründen für seine Anfälligkeit und für Renates Immunität. Ihm fiel ein, dass zu Hause die Dissertation auf ihn wartete; bei diesem Gedanken überlief ihn ein Schauer, und er hatte er das Gefühl, ein Rückfall kündige sich an.


Am dritten Tag führte ihn Renate am Arm zum Frühstück auf die Hotelterrasse, vor der sich das Meer in tiefgrüner Glätte ausbreitete. Rolf liess sich auf den Stuhl sinken. Plötzlich hatte er das Gefühl, seine Haut werde durchsichtig; alles ringsum schien ihm von unglaublicher Schönheit zu sein. Er hörte Vogelgekreisch, Kindergelächter; er sah weit draussen im Meer ein festlich geblähtes Segel; das Licht verzauberte Renates Haar. Rolf war überwältigt von dieser Schönheit. Er begann, ohne zu wissen warum, lautlos zu weinen, und versteckte sein Gesicht hinter der Serviette.
«Was hast du denn?», fragte Renate irritiert.

Rolf schluckte seine Rührung herunter und schwieg. Für das, was ihn bewegte, gab es keine Wörter.

Am Nebentisch sass ein älteres Paar aus München. Der Mann wandte sich plötzlich, von Tisch zu Tisch, an Rolf: «Sie waren krank, wie ich gehört habe. Sind Sie wieder wohlauf?»

Rolf nickte. «Irgendeine Magen-Darm-Infektion. Das liest man hier schnell auf.»

«Wissen Sie», sagte der Mann, der etwas Gütiges an sich hatte, «eigentlich ist ja das Leben an sich infektuös. Oder der Tod ist es. Je nach Betrachtungsweise. Man kann sich eher vom einen oder vom andern anstecken lassen, finden Sie nicht auch?«

«Falsch», murmelte Rolf, «es heisst doch infektiös, nicht infektuös.»

«Wie bitte?», fragte der Mann

«Ach nichts», sagte Rolf. Aber er hatte wenigstens wieder ein Wort, an dem er sich festhalten konnte.


Lukas Hartmann lebt als freier Schriftsteller in der Nähe von Bern. Er hat zahlreiche Romane, Kinderbücher, Hörspiele und Theaterstücke veröffentlicht. Diesen Frühling ist von ihm im Verlag Nagel & Kimche der Roman «Die Frau im Pelz» erschienen.


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unipressedienst – Pressestelle der Universität Zürich
Nicolas Jene (upd@zuv.unizh.ch)
Last update: 28.06.99