
Medizinisch-polizeiliche Überwachung versus moralische Reform. Eine Debatte über die Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten um die Jahrhundertwende im Kanton Zürich.
Von Beat Rüttimann
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| Wo der von den Sittlichkeitsvereinen propagierten sexuellen Enthaltsamkeit nicht nachgelebt wurde, waren medizinische Ratschläge gefragt. |
Die Ausrottung der Geschlechtskrankheiten ist glücklicherweise keine Utopie. Es ist bemerkenswerth und tröstend, dass sie sich nur von einem Individuum auf das andere verbreiten können und dass, einmal in ihrer Verbreitung aufgehalten, man nicht zu fürchten hat, sie würden von Neuem spontan und unversehens ausbrechen.» Dies die Sicht des fortschrittsorientierten französischen Hygienikers Rollet am ersten internationalen Ärztekongress in Paris 1867. Er signalisierte mit seiner Vision, dass die Geschlechtskrankheiten in den Griff zu bekommen seien.
Rollets Optimismus und sein Vertrauen darauf, dass Krankheit unter Kontrolle gebracht werden könne, widerspiegelt die Aufbruchstimmung der modernen Medizin schlechthin. Krankheiten wurden nicht länger als unabwendbares Schicksal angesehen, sondern galten als vermeidbar, sofern man den medizinischen Verhaltensvorschriften folgte und sich ihnen unterwarf.
Auf diesem optimistischen Hintergrund entwarfen Mediziner im 19. Jahrhundert erste Präventionskonzepte zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten Syphilis und Gonorrhöe. Ihr Ansatzpunkt war es, die möglichen Übertragungswege unter Kontrolle zu kriegen. Konnte der Infektionsweg unterbrochen werden was durch die Entfernung und Isolierung sämtlicher «Infektionsquellen» erreicht werden sollte so wäre das Ziel der «Ausrottung» nahe. Wichtigste «Infektionsquelle» in der ärztlichen Optik war die Prostituierte. Sie galt als «Hauptherd und grosser Mittelpunkt» in der Debatte, da sie die Krankheit durch ihr «promiskuitives» Verhalten weitergab.
Reglementierung
Das Präventionskonzept, das auf die Isolierung der Infektionsquellen abzielte, basierte auf einem ausgeklügelten System der überwachten oder reglementierten Prostitution. Einer begrenzten Anzahl von polizeilich registrierten Frauen sollte das Leben in Bordellen erlaubt werden unter der Bedingung, dass sie sich zweimal wöchentlich von Ärzten untersuchen liessen. Diagnostizierten diese eine Geschlechtskrankheit, so konnte die Prostituierte umgehend von der Polizei ins Spital eingewiesen und dort so lange zurückgehalten werden, bis ihre Krankheit soweit ausgeheilt war, dass sie keine Männer mehr ansteckte. Danach war sie wieder an ihrem alten Platz einsetzbar.
Diesem technokratischen Modell der Krankheitsprävention lag die Überzeugung zugrunde, dass sich ansteckende Krankheiten durch medizinische und polizeiliche Interventionen in den Griff bekommen liessen. Zum Konzept der reglementierten Prostitution gehörte auch die statistische Erfassung der Geschlechtskrankheiten. Statistiken sollten zu jedem Zeitpunkt Auskunft über den «Verseuchungsgrad» in der Gesellschaft geben. Zur Verfügung standen jedoch einzig die Daten der untersuchten Prostituierten. Andere Zahlen waren nicht erhältlich, da sich die Privatärzte auf das Arztgeheimnis beriefen und die Zahl der meist männlichen Patienten nicht bekannt geben wollten. In den veröffentlichten Statistiken tauchten in der Folge ausschliesslich die Prostituierten als Risikogruppe auf, was das Bild der «Infektionsquelle Prostituierte» zusätzlich festigte.
Das Konzept der reglementierten Prostitution versuchte man 1871 auch im Kanton Zürich durch eine Gesetzesrevision einzuführen. Das revidierte Strafgesetz hob ein generelles Bordellverbot auf und liess den einzelnen Gemeinden die Möglichkeit offen, Bordelle zuzulassen. Damit waren in Zürich die Voraussetzungen zur Einführung der überwachten Prostitution gegeben.
und Kriminalisierung
Der technischen Planbarkeit waren Grenzen gesetzt, das sahen auch die Ärzte des späten 19. Jahrhunderts ein. Es war absehbar, dass sich nicht sämtliche Sexualkontakte auf die Institutionen Ehe und das Bordell begrenzen liessen. Den «ausserinstitutionellen» Sexualverkehr, den sie «heimliche Prostitution», «Winkelprostitution», «venus vulgivaga» usw. nannten, definierten sie als besonders gefährlich, da er der medizinischen Überwachung nicht zugänglich war. Diesen Formen der weiblichen Prostitution galt der unermüdliche und zugleich aussichtslose Kampf. Eine solche Prostituierte ignorierte nicht nur den bürgerlichen Moralkodex, sondern widersetzte sich auch der ihr vorgeschriebenen Existenzform. Weil sie als «Infektionsquelle» nicht ausgeschaltet werden konnte, wurde sie kriminalisiert. Die «heimliche» Prostituierte wurde zur Krankheitsträgerin schlechthin und rechtfertigte jede Disziplinarmassnahme.
Bei den Prostituierten handelte es sich fast ausnahmslos um Frauen der Unterschicht; nicht zuletzt benutzten sie Prostitution als Mittel im Kampf gegen die Armut. Das Präventionskonzept der überwachten Prostitution mit gleichzeitiger Verfolgung der heimlichen Prostitution, das auch als Disziplinarmassnahme gesehen werden muss, zementierte die Machtverhältnisse zwischen den Klassen und Geschlechtern.
Proteste aus dem Bürgertum
Der medizinisch-polizeilichen Überwachung waren aber auch Grenzen gesetzt, da ihr die gesellschaftliche Akzeptanz fehlte. Je mehr gesundheitspolitisch gerechtfertigte Bordelle es gab, desto mehr erwuchs Kritik an diesem System. Gegen Ende der Achtzigerjahre des 19. Jahrhunderts hatte sich schliesslich eine Opposition formiert, die Sittlichkeitsvereine. Diese bekämpften systematisch das bestehende Konzept und begannen mit unerschütterlicher Hartnäckigkeit für ein eigenes zu werben. Getragen wurden die Vereine von Frauen und Männern alteingesessener Familien der Stadt und des Kantons Zürich sowie des Bildungsbürgertums. Die Frauen dieser Bewegung waren Teil der damals entstehenden bürgerlichen Frauenbewegung.
Das Neue und zugleich Einschneidendste an der Sichtweise der Sittlichkeitsvereine war, dass sie Prostitution und Geschlechtskrankheiten primär als sittliches Problem betrachteten, nicht als medizinisches. Dieser Blickwinkel führte zwangsläufig zu anderen Einschätzungen, Strategien, Massnahmen und Forderungen.
Hauptkritikpunkt der Sittlichkeitsbewegung war die medizinische und polizeiliche Überwachung der Prostitution. Sie lehnte das Konzept ab, das von einer gesellschaftlichen Notwendigkeit der Prostitution ausging und sie als notwendiges Übel betrachtete. Mit dem Zugeständnis, dass die Prostitution nicht grundsätzlich als Straftat aufzufassen sei, machte sich nach ihrer Meinung der Staat zum Dulder der Prostitution. Die Sittlichkeitsvereine zweifelten zudem an der Durchführbarkeit und Wirksamkeit des Konzeptes. Mit dem Überwachungssystem gebe die Medizin vor, sowohl die Kontrolle über die Prostitution im Griff zu haben wie auch eindeutige Diagnosen stellen zu können. Genau diese Voraussetzungen betrachteten die Sittlichkeitsvereine als nicht erfüllt; sie erachteten weder die Diagnose als exakt noch die medizinische Kontrolle als effizient genug, da sie einseitig nur die Frauen beziehungsweise die Prostituierten treffe, die Freier jedoch ausser Acht lasse. Das Ausstellen von Gesundheitsscheinen war für sie eine Farce.
Moralische Reformen gefordert
Das Präventionskonzept der Sittlichkeitsvereine hiess: «Moralische Reform.» Sie sollte die Pros-titution und mit ihr zugleich die Geschlechtskrankheiten aus der Welt schaffen. Auf drei Ebenen versuchten die Vereine das Ziel zu erreichen:mit dem moralischen Appell an die Männer, auf Prostitution zu verzichten, der Umerziehung der Prostituierten und der Abschaffung der Bordelle auf gesetzlichem Weg.
Der Appell an die Männer basierte auf der Forderung «gleiche Moral für Mann und Frau». Das hiess Anpassung der Moral des Mannes an die der Frau und schien ein Weg zu sein, um Prostitution aus der Welt zu schaffen.
Frauen waren in der bürgerlichen Gesellschaft der damaligen Zeit zu absoluter
sexueller Enthaltsamkeit vor und ausserhalb der Ehe verpflichtet. Ein Übertreten
dieser Norm zog gesellschaftliche Sanktionen nach sich. Im Gegensatz dazu konnten
die Männer diese Normen ohne jegliche Konsquenzen übertreten. Da die
bürgerliche Frau, ausser der Ehefrau, für den Mann tabu war, bediente
er sich der Frauen der Unterschichten oder der Prostituierten. Das sollte sich
nun ändern. Dem Mann wurde zwar ein starker Sexualtrieb zugeschrieben,
den er aber mit eisernem Willen ohne gesundheitlich schädigende Folgen
beherrschen könne. Wohl stand der Imperativ an den Mann fest: Sexualabstinenz
vor und ausserhalb der Ehe. Aber die Durchsetzung einer solchen Forderung mittels
Appellen war begrenzt.
Politische Konsequenzen
Die Sittlichkeitsvereine konzentrierten sich aber neben der moralischen Reform noch auf zwei weitere Gebiete: die Sozialarbeit und rechtliche Schritte. Bei einer stigmatisierten Gruppe wie den Prostituierten, bei denen man sich weniger um Persönlichkeitsschutz kümmern musste, schienen Erfolge vielversprechend. Durch fürsorgerische Arbeit hofften die Frauen der Sittlichkeitsvereine die Prostituierten aus ihrem Milieu herauszuholen und sie zu einem bürgerlichen Lebenswandel, meist als Dienstbotin, zurückzuführen.
Um den Kampf gegen die Prostitution nicht nur von der individuellen Einsicht abhängig zu machen, versuchten sie ihre normativen Ansprüche gesetzlich abzusichern. Die Sittlichkeitsvereine forderten daher von Stadt und Kanton Zürich die Abschaffung jeglicher bordellierter Pros-titution. Nachdem die Stadt auf ihre Forderung eingegangen war und Bordelle auf städtischem Grund nicht mehr tolerieren wollte, scheiterte die Durchsetzung dieses Vorhabens an den kantonalen Behörden. Die Sittlichkeitsvereine lancierten daraufhin eine Initiative, die ein gesetzliches Verbot von Bordellen im Kanton ermöglichen sollte. Diese Initiative beziehungsweise der Gegenvorschlag wurde 1897 dank der starken Präsenz der Sittlichkeitsvereine im Kanton Zürich angenommen.
Mit der Verwendung einer Metaphorik, die von «Giftpflanze», «Giftmorchel», «Krebsübel des Fin de siècle» sprach, ohne explizit zu bestimmen, ob damit die physische oder die moralische Seuche, ob Prostitution oder Geschlechtskrankheit gemeint war, erzeugten die Vereine ein Klima von Unsicherheit. Die Gleichsetzung der beiden Begriffe Krankheit und Prostitution vergrösserte den Effekt um einiges und machte die Gefahr undefinierbar und diffus. Mit der Erzeugung von Schuldgefühlen und Angst erhofften die Sittlichkeitsvereine eine Verhaltens- und Gesinnungsänderung zu bewirken. Mit dem Versuch, ihre Moralvorstellungen durchzusetzen, glaubten sie, das Problem an der Wurzel zu packen und sich nicht mit Symptombekämpfung zu begnügen.
Das Vorgehen der Sittlichkeitsvereine wird nachvollziehbar, wenn man ihr Krankheitsverständnis anschaut. Geschlechtskrankheit und Prostitution war in ihren Augen Ausdruck eines individuellen moralischen Zerfalls. Geschlechtskrankheit und sittlicher Lebenswandel schlossen sich aus. Die konstatierte Zunahme der Geschlechtskrankheiten war für sie ein Indiz für eine zunehmende Entsittlichung der Gesellschaft und machte ein Handeln notwendig.
Bedrohliche Moderne
Die Emotionalität und die Vehemenz, mit der die Debatte um die Präventionskonzepte geführt wurde, müssen auf dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels, der durch die zweite Industrialisierungswelle ausgelöst worden war, gesehen werden. Um 1900 redeten viele von einem gesellschaftlichen Normen- und Wertezerfall, der durch den Wandel und die zunehmende Bedeutung des «materialistischen» Denkens verursacht worden sei. Der Zustrom der ländlichen Bevölkerung in die Stadt, steigende Mobilität, neue Kommunikationsysteme, verstärkte Bedeutung der Medien veränderten das städtische Leben grundlegend. Anonymität, Hektik und die neu entstehende Freizeitkultur prägten das Lebensgefühl. Die neuen Lebensformen liessen alte tradierte Normen obsolet werden und erzeugten Verunsicherung.
Diese wurde benutzt, um den Wandel als Zerfall der Sitten zu deuten, dem es entgegenzuwirken galt. Dass gerade die Triebrestriktion Abhilfe hätte schaffen können, um diesen Zerfall aufzuhalten, liegt im Sexualitätsverständnis jener Zeit. Sexualität, dem Bereich der Natur zugeschrieben, war nur durch zivilisatorische Leistung unter Kontrolle zu halten. Wurde die Kontrolle brüchig, droht das Chaos. Die Beherrschung und Unterwerfung der inneren Natur war aber Voraussetzung zur Beherrschung der äusseren Ordnung. Da im zeitgenössischen Verständnis inneres und äusseres Chaos korrespondierten, entstand die Projektion von Chaos und Zerfall auf die Gesellschaft.
Das von den Sittlichkeitsvereinen vertretene Ideal des Mannes sah die totale affektive Kontrolle vor, das heisst die Fähigkeit, sexuelle Triebregungen zu unterdrücken. Objektive Urteilsfähigkeit schien nur möglich, wenn der Geist Herr war über jede sinnliche Regung. Die Forderungen nach «Hebung der Moral» und verstärkter Sexualabstinenz schienen geeignet, die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten mit dem Wunsch nach Stabilisierung der Familie und der Sexualnormen zu verbinden.
Triebrestriktionen und Reformierung der brüchig gewordenen Normen, das waren die Losungsworte der Sittlichkeitsvereine. Dieses konservative Gedankengut fand Anklang quer durch das politische Spektrum; die Debatte um Prostitution und Geschlechts-krankheit konnte zur Reinstallierung konservativer Normen und Werte benutzt werden.
Die Aktivitäten der Sittlichkeitsvereine bewirkten allerdings keinen Rückgang der Krankenziffern. Durch ihre moralische Deutung hoben sie die Stigmatisierung der Erkrankten nicht auf und erschwerten für lange Zeit einen rationalen Zugang zu den Geschlechtskrankheiten Syphilis und Gonorrhöe.
Die Debatten um die Jahrhundertwende zeigen deutlich, wie der gesellschaftliche Umgang mit einer sexuell übertragbaren Krankheit und die Wahl der Präventionsstrategien von der jeweils herrschenden gesellschaftspolitischen Situation und vom Konfliktpotential abhängen. «Mikroben machen weder Geschichte noch Politik, aber der Umgang mit Mikroben ist Politik.» (2)
LITERATUR
(1) Dieser Artikel basiert auf der Untersuchung von Dominique Puenzieux und Brigitte Ruckstuhl: «Medizin, Moral und Sexualität. Die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten Syphilis und Gonorrhöe in Zürich 1870–1920.» Chronos Verlag, Zürich 1994.
(2) Rolf Rosenbrock: «Aids kann schneller besiegt werden. Gesundheitspolitik am Beispiel einer Infektionskrankheit». Hamburg 1985.
Dr. Brigitte Ruckstuhl ist Bereichsleiterin für Interventions- und Qualitätsförderung am Institut für Sozial- und Präventivmedizin.
unipressedienst
Pressestelle der Universität Zürich
Nicolas Jene (upd@zuv.unizh.ch)
Last update: 29.06.99