unimagazin Nr. 2/99

Kleine Biester

Dass genmutierte Zellen als autonome Organismen dem Homo sapiens den Garaus machen, solche Geschichten gehören ins Reich von Sciencefiction. Wir haben bereits genug damit zu tun, uns gegen all die Infektionen zur Wehr zu setzen, die unseren Alltag durchsetzen.

Von Dieter Sträuli

Farmen für Insekten  
Remo Largo: Kinderjahre. Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung. Piper Verlag, München, Zürich, 1999. 368 Seiten, 37 Franken.  

Der Gentechnologe Vergil Ulam spielt in der Badewanne mit dem Gedanken, den Stöpsel zu ziehen. Dann würde das rosafarbene Badewasser den Abfluss hinuntergurgeln und im Leitungsnetz des Abwassersystems verschwinden.

Es kommt nicht dazu. Ein Kollege von Ulam wirft einen unter Strom stehenden Haartrockner in die Wanne und tötet ihn. Er hegt keine feindseligen Gefühle für den badenden Wissenschafter, aber er weiss, was das rosa Wasser bedeutet. Ulam, Spezialist für Biochips und organische Computer, hatte heimlich mit eigenen Körperzellen experimentiert. Als sein Vorgesetzter die illegalen und sehr gefährlichen Versuche entdeckte, befahl er Ulam, alle Zellkulturen zu vernichten. Ulam fügte sich scheinbar, injizierte sich jedoch eine letzte Kolonie von Zellen in den eigenen Blutkreislauf und schmuggelte sie so an allen Kontrollen vorbei. Deshalb ist das Badewasser rosa: In ihm schwimmen Myriaden von genmutierten, autonomen und intelligenten Zellen; jede von ihnen ein Nanocomputer, der an jede andere lebende Zelle andocken und mit ihr biologische Computer höherer Komplexitätsebene aufbauen kann.

Aber der Mörder kommt zu spät. Längst sind dem unordentlichen Forscher Ulam aus seinen Versuchsanlagen mutierte Zellen entwischt, die sich mit unglaublicher Geschwindigkeit vermehren und über lebendige «Kabel» alle Organismen miteinander vernetzen. Am Ende existiert auf der Erde nur noch ein einziges Lebewesen, eine Art biologisches Supergehirn. Es pulsiert und träumt im Rhythmus der «Blutmusik».

Der Roman «Blood Music» von Greg Bear ist Sciencefiction. Auch wenn sich das Genre immer wieder als prophetisch erwiesen hat, werden wir sie wohl nie hören, diese Blutmusik. Erstens ist es unwahrscheinlich (wenn auch nicht unmöglich), dass die Forschung in dieser Sache die Phantasie einholt, und zweitens würde ein derartiger biologischer GAU natürlich nur schon dank strenger Kontrollen und einer strikter Gesetzgebung verhindert.

Eine Wolke aus Tröpfchen

Die Geschichte, welche gleichzeitig Angst vor der Auflösung aller Grenzen und Sehnsucht nach Verschmelzung hervorzurufen vermag, hat hier vor allem den Zweck, uns einen bestimmten Aspekt des Phänomens der Infektionskrankheiten näher zu bringen.

Infektionskrankheiten verbinden uns Einzelwesen auf der Ebene der Lebensvorgänge in überraschender Weise. Sie führen uns gerade dort, wo wir es am wenigsten zur Kenntnis nehmen wollen – in Zug und Bus und Strassenbahn –, vor Augen, dass wir selbst als Zwischenstationen eines ganz anderen Verkehrssystems fungieren. Zwar respektieren die gegenwärtig pendelnden Viren und Bakterien im Gegensatz zu Ulams kleinen Biestern unsere Identität. Aber sobald ihre genetischen und chemischen Botschaften bei uns eintreffen, röten sie unsere Epidermis, entzünden sie unsere Schleimhäute und bedrohen schlimmstenfalls Leib und Leben.

Dieses Leben bedeutet offensichtlich ständigen Austausch. Auch wenn wir uns als inselhafte Organismen fühlen – wir sind nicht durch unsere Aussenhaut definiert. Wenn man sie sichtbar machen könnte, so würde man wahrscheinlich eine Wolke aus Tröpfchen, Molekülen und Mikroorganismen erkennen, welche uns einhüllt und überallhin begleitet: eine Zone intensiver Interaktion unseres Körpers mit der Umwelt. Wer kann also genau sagen, wo wir «anfangen» und wo wir «aufhören»?

Das «Mem»

Da grübeln wir über den Sinn unserer Existenz als Individuen in einer rätselhaften Welt nach und sind möglicherweise nichts anderes als wandelnde Farmen für Bakterien, Viren und Parasiten. Sogar unsere eigenen Gene benutzen uns Sterbliche möglicherweise schamlos, um sich mit Hilfe unseres kurzen Lebens eine unsterbliche Existenz zu sichern.

Auch wenn wir also immer mehr von Aufbau und Funktion des Lebens verstehen, macht uns das noch nicht zum Gipfel der Schöpfung. Vielleicht kommen wir der Wahrheit näher, wenn wir uns als ziemlich willkürliche Ausschnitte aus einem komplexen Teppichmuster betrachten.

Kein Wunder, dass Infektionskrankheiten zu einer wirkungsvollen Metapher für das Zeitalter der Massenkommunikation und totalen Information geworden sind. Das Internet steckt mittlerweile jeden Augenblick zahllose Bevölkerungsgruppen mit immer neuen Ideen und Legenden an. Derselbe Richard Dawkins, der als Biologe die Theorie vom «egoistischen Gen» formuliert hat, prägte im gleichnamigen Buch den Ausdruck «Mem» für die kleinste autonome und sich selbstständig fortpflanzende Ideen-Einheit, die sich mit anderen Memen zu eigentlichen Mythologien kombiniert. Meme begegnen uns in Ohrwürmern, Stadtlegenden und Verschwörungstheorien.

Wie ansteckend Sprache wirken kann, zeigen gegenwärtig – leider – sich in der Alltagssprache empidemisch ausbreitende, entstellte Wörter. So verwenden immer mehr Menschen in Unterhaltungen über ansteckende Krankheiten das Wort «infisziert». Seien Sie gewarnt: Das Verb «infiszieren» ist falsch und unbedingt zu vermeiden. Am besten, Sie sprechen es sich jetzt gleich mehrmals laut vor, damit sie es jederzeit erkennen: «in-fiszieren».


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unipressedienst – Pressestelle der Universität Zürich
Nicolas Jene (upd@zuv.unizh.ch)
Last update: 15.07.99